Freitag, 24. Februar 2012

Ein Mann für griechische Stunden






ANNA KOSCHKA: 
"EIN MANN FÜR GRIECHISCHE STUNDEN"
LESEPROBE


Strände sind das zeitgeistliche Mekka für verkappte Masochisten. Ganz ehrlich. Sandkörner und Sonnenöl setzen sich hartnäckig unter Fingernägeln, zwischen Pobacken und im Inneren des Bauchnabels fest. Dort beginnen sie, wenn man seinen verschwitzten Körper endlich in einen Liegestuhl gehievt hat, verlässlich zu jucken. Mit von der salzig flirrenden Meeresluft geröteten Augen und dem Geschmack von Nivea im Mund brät man anschließend, bis man klebrig, gar und paniert wie ein Wiener Schnitzel ist. Ich bin auf einer griechischen Insel geboren worden, ich weiß, wovon ich spreche.
Red nicht so einen Unsinn!, meine ich die unverkennbare Reibeisenstimme meiner Oma zu hören. Du bist Griechin, Stella. Natürlich magst du das Meer.
Ich hasse das Meer.
Dann wirst du gefälligst jetzt damit anfangen, es zu mögen!
„Can I help you, Miss?“ Eine Männerstimme reißt mich aus meinen Gedanken. Sein Englisch ist so aufgesetzt wie sein Dreitagebartlächeln. Er trägt ein offenes weißes Hemd, das den Blick auf ein perfektes Sixpack sowie enganliegende hellblaue Frottee-Shorts preisgibt, deren deutlich erkennbarer Paketinhalt auch nicht zu verachten ist.
Ich lächle hilflos und habe ein beschissenes Déja-Vu. Ich war fünf und stand nackt und heulend am Strand von Kambos. Jetzt bin ich zwölfunddreißig, stehe neuerlich am Strand von Kambos und bedecke mit beiden Händen nur notdürftig meine bloßen Brüste. Mit einem vollendeten Zittern in der Stimme spreche ich die Worte, die jeder Frau mit der Konfektionsgröße eines mittleren Nashorns wie billiger Gloss von den Lippen gehen:
„My Träger is gerissen.“
„German? Deutsch?“
Er sieht überrascht aus. Zwar verrät mein mitteleuropäischer Schlechtwetterteint so gut wie nichts von meiner südländischen Herkunft. Dennoch stellt man sich unter der typischen alemannischen Touristin wohl kaum eine untersetzte, pummelige Matrone mit einem von dunklen Locken umrahmten Mondgesicht vor.
„Österreich“, entgegne ich.
„Land der Be-he-rge“, beginnt er, mit hübsch timbriertem Bariton leise zu singen, und schielt anzüglich auf meine wogende Oberweite.
„I am from Austria“, stimme ich geschickt in Alt mit Fendrich ein. Betrunkene Karaoke-Abende machen sich spätestens jetzt bezahlt. Mein junger Dreitagebart nickt wissend. Anschließend tritt er näher heran, bis ich seinen Atem auf meiner Haut spüren kann. Er riecht nach Kaffee und Honig. Nicht unangenehm. Beherzt greift er nach dem Träger meines viel zu knapp sitzenden Badeanzugs, ironischerweise das Modell strapazierfähig und formbeständig von Tchibo, zaubert mehrere Sicherheitsnadeln aus den Engen seiner Gesäßtasche und fixiert den gerissenen Stoff so, dass meine Brüste wieder bedeckt sind. Sofort schnappt er sich die Tube Sonnencreme von meinem Liegestuhl und zwinkert mir zu.
„Massage?“
Er ist schneller, als ich antworten kann. Mit geübten Handgriffen hat er die Creme auf seinen Fingern verteilt und lässt sie flink über meinen Nacken tanzen. Der Druck ist angenehm, meine Haut prickelt unter seiner Berührung, ein Gefühl von Entspannung stellt sich ein, und ich schließe die Augen.
Stella Charydis! Was habe ich dir gesagt? Wenn dir ein Mann den Rücken eincremt, will er nur das Eine!
Was denn, Oma?
Kamaki, Kind, Kamaki!
(...)


Wer jetzt neugierig geworden ist, was Kamaki ist und was Stella am Strand von Kambos noch so alles zustößt, der kann die Kurzgeschichte in der brandneuen Anne-Hertz-Anthologie "Junger Mann zum Mitreisen gesucht" neben so grandiosen KollegInnen wie Kerstin Gier, Jana Voosen, Tanja Heitmann, Silke Schütze und natürlich den Schwestern Frauke Scheunemann und Wiebke Lorenz finden. Nur so viel sei verraten: Stella Charydis, die auch in "Naschmarkt" eine große Rolle spielt, hat eine heiße Recherche am eigenen Leib vor sich. Ach ja, und wer es nicht wusste: Die deutsche Touristin erkennt man am Achselhaar, die französische am Dior-Bikini und die englische an der Kühltasche mit den Bierflaschen? ;-)

1 Kommentar:

Philipp Bobrowski hat gesagt…

Meer! Äh … mehr!

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