Freitag, 20. April 2012

NASCHMARKT - Exklusive Leseprobe, die Erste :-)

Liebst du schon, oder lebst du noch?


„Du klickst hier rechts auf Einstellungen, dann kommst du zum Hauptmenü. Zuerst brauchst du einen Titel. Am besten etwas, das catchy ist, oder? Dotti? Träumst du?“
Ich schiebe die Erinnerung an das böse F-Wort beiseite, die das gesamte Wochenende wie kalter Zigarettenrauch in meinen Kleidern und Haaren festhing. Frigide, wisperten meine dicken, flauschigen Wollsocken, bis ich sie auszog und barfuß durch die Wohnung lief. Frigide, spottete mein überfülltes Bücherregal vielstimmig mit den vorwurfsvollen Stimmen leidenschaftlicher Heroinen in Seidenstrümpfen. Ja, sogar der Kater sah mich misstrauisch an, als beleidigte dieser neue frigide Geruch seine feine Nase.
„Wie soll dein Blog heißen?“
„Hm?“
„Der Titel, die Headline, die Überschrift deiner Datingkolumne?“
Lorenz‘ Tonfall zeigt erste Anzeichen von Genervtheit. Eineinhalb Stunden lang hat er mir mit Engelsgeduld die Features des Weblogs erklärt, mich in so wichtigen Dingen wie Tags, Labels, Feedreadern und Gadgets unterwiesen, während meine Gedanken nur um eine einzige Sache kreisten.
„Wie wär‘s mit Tagebuch eines frigiden Kampfsingles?“
Lorenz macht große Augen, tippt aber gehorsam den Text in den Laptop.
„Spinnst du?“ Ich lösche die Zeile und vergrabe meinen Kopf in den Händen. Die letzten drei Tage waren die Hölle. Jedes Buch, das ich aufklappte, versprach haufenweise Liebe und Sex. Im Fernsehen flimmerten weichgezeichnete Bilder irgendeiner Fürstenhochzeit, ehe in der Vorabendsoap geküsst wurde, was das Zeug hielt. Sogar der Discovery Channel zeigte eine Dokumentation über das Sexualverhalten des Steinmarders, was mich zu der Erkenntnis brachte, dass die Unterhaltungsindustrie mit den Flirtplattformen unter einer Decke stecken muss. Inklusive der Blumenmafia. Flirtrop für Anfänger. Außerdem rief meine Mutter alle zwanzig Minuten an. Sie ließ es sich nicht nehmen, mir dazu zu gratulieren, dass ich sie endgültig vor ihrer gesamten Kundschaft lächerlich gemacht hatte. Seit Freitag Früh waren diverse stadtbekannte Tratschtanten, die sonst nur bunte Zeitschriften mit fetten Überschriften lasen, mit dem Österreichboten in den Händen im Lady’s Pies&Pages ein- und ausmarschiert. Diese Kröten hatten literweise Leitungswasser konsumiert und die arme Lady Lydia nach ihrer missratenen Single-Tochter ausgefragt. Auch einige „durchaus ansehnliche junge Gentlemen“, wie Lydia es spitz formulierte, schienen ihr Interesse bekundet zu haben, sich mit mir zu verabreden. Und – das entnahm ich dem guten Dutzend Sprachnachrichten sowie SMS – meine Mutter hat ihnen allen meine Visitenkarte gegeben. Wie fürsorglich. Ich halte es nicht für ausgeschlossen, dass sie demnächst ein Plakat ins Schaufenster hängt: Tochter zu vergeben. Intelligent, tierlieb, häuslich, doch leider immer noch nicht unter der Haube.
„Wir könnten den Blog auch ‚Wer braucht Männer, wenn es Mütter gibt‘ nennen.“
Lorenz beißt sich auf die Lippen, legt die Stirn in Falten und denkt darüber nach.
„Das war ein Scherz, oder?“, fragt er schließlich mit einem ähnlichen Gesichtsausdruck wie Mister Spock, wenn es um das weibliche Geschlecht geht. Faszinierend.
„Worüber willst du in deinem ersten Blog überhaupt schreiben?“
„Über Mister Spocks Liebesleben.“
„Weil Vulkanier nur alle sieben Jahre Sex haben?“
„Nein, weil sie dazwischen keine Romane, Telenovelas oder Musikstücke darüber produzieren.“
„Was hast du gegen Musik?“
„Ich hasse Musik. Es geht immer nur um die Liebe, in jedem einzelnen Popsong, den ich je gehört habe. Liebe und Triebe, love und dove, Lust und Frust, kiss und miss, Herz und Schmerz, reim dich, oder ich erschlage dich mit einem pinkfarbigen Vibrator.“
Ich hebe den rechten Arm zu einer entsprechenden Geste. Ein leises Räuspern aus der Richtung meiner Bürotür unterbricht mich. Lorenz dreht sich um, läuft hochrot an und springt auf, wobei er fast den Laptop vom Schreibtisch fegt, und kneift die Pobacken derart zusammen, dass er einem Vibrator nicht unähnlich sieht. Ich dagegen sitze immer noch mit erhobenem Arm da und betrachte das ungleiche Paar, das mein Büro betreten hat. Alfons Pohl, dem Schweißperlen auf der Stirn stehen, wechselt nervös von einem Bein aufs andere, während die kleine, zarte Frau an seiner Seite mich streng mustert.
„Frau - äh - Wilcek, die Frauenministerin war so nett, uns auf dem Weg ins Parlament einen Besuch abzustatten, um Ihnen persönlich ...“ Pohl räuspert sich und öffnet den obersten Hemdknopf. Die Ministerin bedeutet ihm, still zu sein, und wirft meinem hoch erhobenen Arm einen Blick zu. Ich lasse ihn sinken, analog zu meinem Herz, das in die Unterhose rutscht. In den letzten drei Tagen war ich mit diversen wildfremden Menschen konfrontiert, die mir per E-Mail und Twitter Spott, Hass und Unterstützung schickten. Feministische Gruppen luden mich ein, Vorträge zu halten, Genderforscher wollten Interviews, und ein paar besonders lustige Zeitgenossen mailten mir anonyme Drohungen. Und alles nur, weil mein Kater eine Art Reinkarnation von Hemingway ist und ich eine Schreibblockade hatte. Aber das leibhaftige Erscheinen der Ministerin in der Redaktion des Österreichboten ist der Gipfel des Scheißbergs. Das ist die Frau, die seit einem halben Jahr darum kämpft, die österreichische Bundeshymne mit Töchtern zu versehen. Woher nimmt sie die Zeit, sich persönlich um so etwas Banales wie den Zustand „Pluskatze“ zu kümmern? Es ist mir ein Rätsel.
Vorsichtig schäle ich mich aus meinem Schreibtischsessel und stehe neben Lorenz stramm, um mein Urteil zu erwarten. Was haben ein fiktiver pinkfarbener Vibrator und die Bundeshymne gemeinsam? Heimat bist du großmäuliger Töchter!
Nach einigen grauenhaften Sekunden tritt die Ministerin energisch an meinen Schreibtisch, streckt die Hand aus und schüttelt meine.
„Frau Wilcek“, sagt sie mit ernster Miene, „ich gratuliere Ihnen zu Ihrer Kolumne. Sie haben einen wichtigen Beitrag zur Emanzipation und Stärkung des weiblichen Selbstbewusstseins in der Öffentlichkeit geleistet. Es gibt immer noch Frauen, die sich ohne Mann als halber Mensch fühlen. Sie aber stellen sich hin und bekennen sich zu genau dieser Lebensweise.“
Frigider Kampfsingularismus?
Ein Grinsen breitet sich im Gesicht der Ministerin aus.
„Pluskatze!“
Ein unwahrscheinlich lautes Lachen dringt aus der Brust der kleinen Person im Businesskostüm.
„Herrlich! Ein Mann nimmt in etwa so viel Platz ein, wie hundert Bücher. Leider lässt er sich nicht auslesen und zuklappen. Warum ist mir das nicht eingefallen? Herr Pohl!“ In komplett anderem Tonfall beordert sie den schwitzenden Chefredakteur an ihre Seite. „Ich möchte gern, dass das Statement des Frauenministeriums gleich unter dem Bericht über die Ehekrise des Vizekanzlers erscheint.“
Sie zwinkert mir zu. Pohl nickt eifrig.
„Und um Himmels willen sagen Sie der Bildredaktion, sie sollen nicht wieder dieses grässliche Profilfoto nehmen, auf dem ich wie ein hungriger Habicht aussehe.“
Mit diesen Worten wendet sie sich zum Gehen.
„Ach, und Frau Wilcek: Titan ist das neue Pink“, ruft sie mir zu, ehe Pohl die Tür mit einem verwirrten Gesichtsausdruck schließt.
Lorenz steht immer noch kerzengerade, als hätte er das Titan im Popo.
„Ich fasse es nicht. Alle tun es“, flüstert mein Kollege mit glasigem Blick.
„Was?“
„Es ist kein Mythos der Pornoindustrie und kein Hoax. Frauen kaufen und benutzen Vibratoren!“ Ein stolzer Ausdruck tritt in Lorenz‘ Augen, und er sieht aus, als hätte er gerade das Perpetuum Mobile erfunden oder Atlantis aufgespürt.
„Was hast du denn gedacht, für wen sie gemacht werden?“
Er antwortet nicht, sondern setzt sich und beginnt, wie wild auf meine Computertastatur einzuhämmern.
„Ist dir ein Blogtitel eingefallen?“
„Nope. Ich schreibe nur schnell ein Statusupdate in Facebook und twittere, dass die Ministerin in Titan macht.“
Ich stürze mich auf ihn und klappe den Laptop so fest zu, dass ich ihm fast die Finger eingequetscht hätte.
„Bist du wahnsinnig?“
„Das war ein Witz.“
„Seit wann machst du Witze?“
„Du wirst es nicht glauben, aber ich beherrsche die Grundregeln des gesellschaftlich akzeptablen Humors.“
In dem Moment öffnet sich meine Bürotür erneut, und Stellas Lockenkopf erscheint im Türspalt.
„Liebst du schon, oder lebst du noch?“ fragt sie grinsend.
Lorenz und ich sehen uns an, sehen Stella an und platzen gleichzeitig heraus:
„Stella, du bist ein Genie!“


Naschmarkt erscheint am 3.August als Knaur Taschenbuch.
Wer sich die Wartezeit verkürzen will, kann Dottis Freundin Stella ein bisschen besser kennenlernen, mit der Kurzgeschichte "Ein Mann für griechische Stunden", entweder in der Anne Hertz Anthologie "Junger Mann zum Mitreisen gesucht" oder direkt als E-Book (platzsparend! ;-) ):

Kommentare:

Philipp Bobrowski hat gesagt…

Schön! :-)

aka hat gesagt…

:-)

Sonja hat gesagt…

Ich freu mich schon sehr :)

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