Sonntag, 22. Juli 2012

Leseprobe Naschmarkt - Eine Lieblingsstelle. :-)



„Darling“, flüstert Lady Lydia, „Wir haben schlechtesten Käse.“
Ich frage mich manchmal, wie meine Mutter mit Menschen kommuniziert, die sie nicht seit über dreißig Jahren kennen. Worst Case bedeutet auf Englisch, dass die Dinge schlimmstmöglich stehen. Nachdem Lady Lydia Käse nicht ausstehen kann, benutzt sie diese Formulierung oft und gern, um mir mitzuteilen, dass die Kacke am Dampfen ist.
„Was ist passiert?“
„Sheila Sheridan hat abgesagt.“
Verdammte Scheiße! Der Afternoon Tea. Ich habe völlig vergessen, dass heute der traditionelle Literaturtee im Lady‘s Pies&Pages stattfindet. Einmal im Monat, sonntags, finden sich etwa zwei Dutzend ältere Damen, alles Kundinnen meiner Mutter, zu einem original englischen Afternoon Tea im Lokal ein. Es können Teesorten verkostet werden, meine Mutter reicht Gurkensandwiches, bereitet ihre stadtbekannten Mince Pies zu und macht Werbung für ihre Kochkurse. Dazu gibt es eine Lesung, meistens aus einer kitschigen Liebesschnulze, die in Cornwall spielt, untermalt von Lautenklängen.
„Dotti“, flüstert meine Mutter, „bist du noch dran?“
„Ja“, flüstere ich zurück, „aber warum flüstern wir?“
„Es sind Gäste präsent.“
„Mummy, ich weiß wirklich nicht, ob ich heute ...“
„Hast du mir nicht zugehört?“, zischt sie.
„Ich ...“
„Sheila Sheridan hat abgesagt. Ist das zu glauben? Eine Stunde vor ihrem Auftritt.“
Sheila Sheridan heißt im echten Leben Evelyn Scherkovski und ist die Zahnärztin meiner Mutter. Unter ihrem eindrucksvollen Pseudonym veröffentlicht sie grauenhafte Romantikkurzgeschichten und schreibt seit zwanzig Jahren an ihrem ersten Roman. Immer, wenn ich zur Zahnkontrolle muss, werde ich genauestens über Plot, Figuren und Settings des zukünftigen Bestsellers informiert, während Dr. Scherkovski Zahnstein entfernt. Aufgrund einer undurchsichtigen Abmachung, die etwas mit den Kosten für Lady Lydias letzte Rundumgebisserneuerung zu tun hat, darf „Sheila Sheridan“ ihre literarischen Ergüsse von Zeit zu Zeit im Pies&Pages vorstellen.
„Mit welcher Begründung hat sie abgesagt?“
„Darling, du weißt doch, dass sie immer wieder depression hat. Aber depression ausgerechnet zum Afternoon Tea, das ist schlechtes Timing.“
Ich verdrehe die Augen. „Eine Depression hat nichts mit Timing zu tun, Mummy.“
„O doch, es kommt nur auf die Einstellung an. Depressionen hebt man sich für die Zeit auf, in der man keine Termine hat. Nebenbei gesagt ...“
Ehe meine Mutter noch tiefer in die Thematik einsteigen kann, unterbreche ich sie rasch.
„Und was hast du jetzt vor?“
Noch ehe ich die Frage vollständig ausgesprochen habe, weiß ich, dass sie mich wieder mal reingelegt hat. Ich war abgelenkt.
„Gut, dass du fragst, Darling“, haucht Lady Lydia mit genau der richtigen Dosis Verzweiflung in der Stimme. Sie ist bühnenreif, das muss man ihr lassen.
„Du musst mir einen stand-in besorgen. Du weißt schon, einen Surrogatautor.“
Dieser Begriff bekommt einen Top-Five-Platz auf der Best-of-Lydia-Liste.
„Wieso ich? Ich kenne privat keine Autoren. Ich mag sie nicht mal beruflich.“
„Dorothy“, ein dramatischer Seufzer, „du kannst mich jetzt nicht runterlassen.“ (Das steht schon auf Platz neun!) „Du bist doch meine intelligente, fantasievolle Tochter. Dir muss etwas einfallen.“
Ich korrigiere: Sie ist nicht bühnenreif, sie ist hollywoodreif.
„Ich sagte bereits, ich kenne keine Autoren. Autoren sind asoziale Sonderlinge. Sie sind wie diese Klugscheißer im Sandkasten, mit denen niemand spielen will, weil sie weder Burgen noch Torten fabrizieren, sondern heulen, weil alles nur Sand und Wasser ist.“
Ich schnaufe und denke an diesen schrecklichen Typen mit dem stummen H, der mir seine Bücher aufdrängt. Glahnz. Florian Glahnz. Dessen Romantikbestseller ich immer noch nicht rezensiert habe. Oder an den erfolgreichen Fantasyautor, den ich zuletzt interviewen musste und der dabei ständig seine dicken, schwarzen Kajallinien im Spiegelbild des Fensters überprüfte und Mokka mit Whiskey trank. An den arroganten Literaturpreisträger, der auf junge Mädchen steht. Und besonders an den erfolglosen Selbstvermarkter Jonathan Asche, der mir als Vertreterin der Literaturmafia mit seinem Anwalt gedroht hat, weil ich sein Machwerk nach der Lektüre der ersten neunzig Seiten verrissen habe. Ganz zu schweigen von der Exkollegin aus der Auslandsredaktion, die sich nach einem mehrtägigen Qui-Gong- oder Kreativitätsseminar zur Krimiautorin berufen fühlt und mich seither permanent um eine Rezension für ihre Regionalkrimis anbettelt. Ich liebe Bücher, aber Autoren kann ich nicht leiden.
„Dorothy, du musst wirklich an deinem Sarkasmatismus arbeiten. Du bist negativ. Du brauchst positive Gedanken. Außerdem warst du es, mit der die anderen Kinder im Sandkasten nicht spielen wollten, weil du immer ihre Kuchen und Burgen kritisiziert hast. Du kannst also genauso gut mit den Autoren spielen gehen.“
Die Logik von Lady Lydia...

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